Wegzugsbesteuerung in Deutschland: Was passiert, wenn du aus Deutschland in die Schweiz auswanderst?
- Roman Welzk

- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Die Wegzugsbesteuerung ist eines der wichtigsten – und zugleich am meisten unterschätzten – Themen für Menschen, die Deutschland verlassen möchten. Besonders relevant wird sie für Unternehmer, Gesellschafter, Investoren oder vermögende Privatpersonen, die ihren Wohnsitz ins Ausland verlegen, zum Beispiel in die Schweiz.
Viele Auswanderer beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Steuern, Krankenversicherung oder Lebenshaltungskosten. Doch die Wegzugsbesteuerung kann finanziell deutlich gravierendere Auswirkungen haben als all diese Faktoren zusammen. In manchen Fällen entstehen Steuerforderungen in sechs- oder siebenstelliger Höhe – obwohl gar kein Geld geflossen ist.
In diesem ausführlichen Artikel erfährst du verständlich und praxisnah:
Was die Wegzugsbesteuerung in Deutschland ist
Wann sie greift
Wie hoch die Steuer sein kann
Was sich durch die Reformen seit 2022 geändert hat
Welche Besonderheiten für Auswanderer in die Schweiz gelten
Welche legalen Strategien es gibt, um Risiken zu vermeiden
Was ist die Wegzugsbesteuerung in Deutschland?
Die Wegzugsbesteuerung ist eine besondere Steuerregelung im deutschen Steuerrecht. Sie greift, wenn eine Person mit wesentlichen Unternehmensbeteiligungen ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt.
Die gesetzliche Grundlage ist:
§ 6 Außensteuergesetz (AStG)
Die Idee dahinter ist einfach:
Deutschland möchte verhindern, dass Personen mit hohen Unternehmenswerten ins Ausland ziehen und dort ihre Anteile steuerfrei verkaufen.
Deshalb wird beim Wegzug so getan, als ob du deine Unternehmensanteile verkauft hättest – auch wenn das in Wirklichkeit nicht passiert ist.
Das nennt man:
fiktiver Veräußerungsgewinn
Wann greift die Wegzugsbesteuerung?
Die Wegzugsbesteuerung greift nicht bei jedem Auswanderer. Sie betrifft nur bestimmte Personengruppen.
Du bist betroffen, wenn alle folgenden Punkte erfüllt sind:
Du bist in Deutschland steuerpflichtig
Du ziehst ins Ausland
Du besitzt Anteile an einer Kapitalgesellschaft
Deine Beteiligung beträgt mindestens 1 %
Das gilt zum Beispiel für:
GmbH-Gesellschafter
Unternehmer
Startup-Gründer
Investoren
Holding-Strukturen
Beteiligungen an Familienunternehmen
Beispiel: Wegzug in die Schweiz
Stell dir folgende Situation vor:
Du hast vor zehn Jahren eine Firma gegründet.
Damals:
Unternehmenswert: 50.000 Euro
Heute:
Unternehmenswert: 1.000.000 Euro
Du besitzt:
100 % der Anteile
Wenn du nun in die Schweiz auswanderst, berechnet das Finanzamt:
Gewinn:
1.000.000 Euro minus 50.000 Euro = 950.000 Euro
Dieser Gewinn wird besteuert – obwohl du die Firma nicht verkauft hast.
Das ist die Wegzugsbesteuerung.
Wie hoch ist die Wegzugsbesteuerung?
Die Steuerhöhe hängt vom persönlichen Steuersatz ab.
In der Praxis liegt die Belastung häufig zwischen:
25 % und 30 %
Das bedeutet:
Beispiel:
Gewinn:
950.000 Euro
Steuer:
ca. 250.000 Euro bis 300.000 Euro
Und wichtig:
Diese Steuer kann sofort fällig werden.
Was hat sich seit 2022 bei der Wegzugsbesteuerung geändert?
Die Reform der Wegzugsbesteuerung im Jahr 2022 hat das Thema deutlich verschärft.
Früher:
Die Steuer konnte dauerhaft gestundet werden, wenn du in ein EU-Land gezogen bist.
Heute:
Das ist nicht mehr möglich.
Die wichtigsten Änderungen
1. Automatische Stundung nur noch für 7 Jahre
Die Steuer wird nicht sofort verlangt, sondern gestundet.
Aber:
maximal 7 Jahre
danach muss sie bezahlt werden
auch ohne Verkauf der Anteile
Das ist eine der größten Veränderungen im deutschen Steuerrecht für Auswanderer.
2. Ratenzahlung statt unbegrenzter Stundung
Die Steuer wird jetzt typischerweise:
über 7 Jahre verteilt
in jährlichen Raten bezahlt
Das bedeutet:
Du musst Liquidität einplanen.
3. Gleichbehandlung von EU und Nicht-EU
Früher:
EU-Länder hatten Vorteile.
Heute:
Diese Vorteile sind weitgehend weggefallen.
Das betrifft auch die Schweiz.
Besonderheiten für Auswanderer in die Schweiz
Für viele Deutsche ist die Schweiz ein attraktives Ziel:
hohe Gehälter
stabile Wirtschaft
gute Lebensqualität
niedrigere Steuern
Doch steuerlich gilt:
Die Schweiz ist aus deutscher Sicht ein Drittstaat!
Das bedeutet:
Die Wegzugsbesteuerung greift voll.
Wann wird die Steuer tatsächlich fällig?
Die Steuer wird normalerweise fällig, wenn:
du deine Anteile verkaufst
du Dividenden erhältst
du in ein anderes Land weiterziehst
du gegen Bedingungen verstößt
die Stundungsfrist endet
Wichtig:
Nach spätestens 7 Jahren kann die Steuer vollständig fällig werden – auch ohne Verkauf.
Welche Vermögenswerte sind betroffen?
Nicht nur Unternehmen können betroffen sein.
Typische Beispiele:
GmbH-Anteile
Beteiligungen an Startups
Holding-Strukturen
Familienunternehmen
Aktiengesellschaften
Beteiligungen über Vermögensgesellschaften
Nicht betroffen sind in der Regel:
ETFs
normale Aktiendepots
Immobilien
Sparguthaben
Entscheidend ist:
Beteiligung an Kapitalgesellschaft ab 1 %
Sonderfall: Wegzug mit einer GmbH oder Holding
Besonders kritisch wird die Wegzugsbesteuerung bei:
Unternehmern
Selbstständigen
Freelancern mit GmbH
Holding-Strukturen
Denn hier ist der Unternehmenswert oft hoch.
Und damit auch die Steuer.
Beispiel: Unternehmer zieht in die Schweiz
Unternehmenswert:
2.000.000 Euro
Einstandswert:
50.000 Euro
Gewinn:
1.950.000 Euro
Steuer:
ca. 500.000 Euro bis 600.000 Euro
Und wichtig:
Diese Steuer entsteht ohne Verkauf.
Kann man die Wegzugsbesteuerung vermeiden?
Ja – aber nur mit guter Planung.
Und vor allem: Frühzeitig.
Typische Strategien
1. Beteiligung unter 1 % reduzieren
Wenn deine Beteiligung:
unter 1% liegt, greift die Wegzugsbesteuerung nicht.
Das kann zum Beispiel bedeuten:
Anteile verkaufen
Anteile übertragen
Beteiligung aufteilen
2. Wegzug frühzeitig planen
Idealerweise:
2 bis 5 Jahre vorher.
Denn viele Gestaltungen brauchen Zeit.
3. Unternehmensstruktur anpassen
Beispiele:
Holdingstruktur ändern
Unternehmensanteile übertragen
Vermögensaufteilung
4. Verkauf vor dem Wegzug
Manchmal sinnvoll:
Verkauf in Deutschland
Steuer bezahlen
danach Umzug
Das kann günstiger sein als die Wegzugsbesteuerung.
Häufige Fehler bei der Wegzugsbesteuerung
Ein typischer Fehler ist:
Die Wegzugsbesteuerung zu spät zu prüfen.
Viele Auswanderer beschäftigen sich erst damit:
nachdem sie bereits umgezogen sind.
Dann ist es oft zu spät.
Weitere typische Fehler
Unternehmenswert unterschätzen
Beteiligung übersehen
falsche Beratung
fehlende Liquiditätsplanung
spontane Auswanderung
Was passiert, wenn du zurück nach Deutschland ziehst?
Wenn du innerhalb von:
7 Jahren
nach Deutschland zurückkehrst, kann die Wegzugsbesteuerung rückgängig gemacht werden.
Voraussetzungen:
keine Veräußerung der Anteile
keine wesentlichen Änderungen
Rückkehr nach Deutschland
Dann wird die Steuer:
nicht fällig.
Wegzugsbesteuerung und Doppelbesteuerungsabkommen
Deutschland und die Schweiz haben ein:
Doppelbesteuerungsabkommen (DBA)
Das verhindert:
dass du dieselbe Steuer zweimal zahlen musst.
Aber:
Es verhindert nicht die Wegzugsbesteuerung.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Für wen ist die Wegzugsbesteuerung besonders relevant?
Diese Gruppen sollten das Thema unbedingt prüfen:
Unternehmer
Selbstständige mit GmbH
Startup-Gründer
Investoren
vermögende Privatpersonen
Gesellschafter
Holding-Besitzer
Fazit: Die Wegzugsbesteuerung ist eines der wichtigsten Themen beim Auswandern
Wenn du aus Deutschland in die Schweiz auswanderst, kann die Wegzugsbesteuerung zu einer der größten finanziellen Belastungen werden.
Nicht jeder ist betroffen.
Aber wenn sie greift, kann sie:
sehr teuer werden
sofort Liquidität erfordern
langfristige Folgen haben
Die wichtigste Regel lautet:
Je früher du planst, desto besser.
Gerade für Unternehmer oder Investoren kann eine frühzeitige Strategie den Unterschied zwischen einer kleinen Steuer und einer sehr großen Steuer ausmachen.
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