Schwächen im Vorstellungsgespräch richtig nennen – mit Beispielen
- Roman Welzk

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Die Frage nach den eigenen Schwächen gehört zu den klassischen Momenten im Vorstellungsgespräch – und gleichzeitig zu den schwierigsten. Viele Bewerber reagieren ausweichend, nennen vermeintliche „verpackte Stärken“ oder geraten in Rechtfertigungen. Gerade im Schweizer Kontext, in dem Ehrlichkeit, Selbstreflexion und Sachlichkeit geschätzt werden, kann das schnell unglaubwürdig wirken.
Dieser Artikel zeigt, warum diese Frage gestellt wird, wie man Schwächen professionell formuliert und welche Beispiele glaubwürdig, realistisch und akzeptiert sind.
Warum Arbeitgeber nach Schwächen fragen
Die Frage nach Schwächen dient nicht dazu, Bewerber bloßzustellen. Arbeitgeber wollen damit prüfen:
Selbstreflexionsfähigkeit
Ehrlichkeit und Reife
Umgang mit Fehlern
Lern- und Entwicklungsbereitschaft
In der Schweiz wird dabei weniger Wert auf perfekte Antworten gelegt als auf nüchterne, realistische Selbsteinschätzung.
Was eine gute Schwäche ausmacht
Eine gut gewählte Schwäche erfüllt mehrere Kriterien:
sie ist realistisch, aber nicht existenziell für die Stelle
sie betrifft Arbeitsweise, nicht Charakter oder Werte
sie ist konkret, nicht allgemein
sie zeigt, dass bereits daran gearbeitet wird
Ungeeignet sind Schwächen, die:
zentrale Anforderungen der Stelle untergraben
Teamfähigkeit oder Zuverlässigkeit infrage stellen
als Ausrede oder Rechtfertigung formuliert sind
Die richtige Struktur für die Antwort
Eine überzeugende Antwort folgt meist diesem Muster:
Benennung der Schwäche (klar, ohne Relativierung)
Konkreter Kontext (wann sie relevant wird)
Umgang damit (was aktiv dagegen getan wird)
Diese Struktur wirkt professionell und glaubwürdig.
Beispiele für geeignete Schwächen – mit Formulierungen
1. Zu hohe Detailorientierung
Wann geeignet: Fachliche, analytische oder qualitätsorientierte Rollen
Beispiel: „Ich neige dazu, mich bei komplexen Aufgaben sehr stark auf Details zu konzentrieren. Das hat mir oft geholfen, Fehler zu vermeiden, aber ich habe gemerkt, dass ich dadurch manchmal mehr Zeit investiere als nötig. Inzwischen setze ich mir bewusst Zeitrahmen und priorisiere Aufgaben klarer.“
2. Schwierigkeiten beim Delegieren
Wann geeignet: Führungsnahe oder projektbezogene Rollen
Beispiel: „Ich habe früher vieles selbst erledigt, weil ich Verantwortung nicht abgeben wollte. Mit zunehmender Erfahrung habe ich gelernt, Aufgaben klarer zu delegieren und Vertrauen ins Team zu setzen. Das entlastet mich und verbessert die Zusammenarbeit.“
3. Zurückhaltung in großen Gruppen
Wann geeignet: Fachrollen, technische Positionen
Beispiel: „In größeren Gruppen bin ich eher zurückhaltend und höre zunächst zu, bevor ich mich einbringe. In kleineren Runden oder fachlichen Diskussionen bin ich deutlich aktiver. Ich arbeite daran, mich auch in größeren Meetings früher einzubringen.“
4. Ungeduld bei ineffizienten Abläufen
Wann geeignet: Prozess- oder optimierungsnahe Tätigkeiten
Beispiel: „Ich merke, dass ich ungeduldig werde, wenn Prozesse unnötig kompliziert sind. Das ist einerseits ein Antrieb zur Verbesserung, andererseits habe ich gelernt, bewusster mit bestehenden Strukturen umzugehen und Veränderungen sachlich vorzuschlagen.“
5. Zu hohe Selbstansprüche
Wann geeignet: Leistungsorientierte Positionen
Beispiel: „Ich setze mir selbst hohe Ansprüche und erwarte viel von meiner eigenen Arbeit. Das kann motivierend sein, aber auch Druck erzeugen. Inzwischen achte ich stärker auf realistische Ziele und darauf, Erfolge bewusster wahrzunehmen.“
Beispiele für ungeeignete Schwächen
Folgende Aussagen wirken meist negativ oder unglaubwürdig:
„Ich bin zu perfektionistisch“ (ohne Kontext)
„Ich arbeite zu viel“
„Ich habe keine Schwächen“
„Ich bin manchmal unmotiviert“
„Ich komme nicht gut mit Menschen zurecht“
Solche Antworten wirken entweder ausweichend oder problematisch.
Schweizer Besonderheiten im Vorstellungsgespräch
Im Schweizer Arbeitsumfeld werden besonders geschätzt:
Sachlichkeit
Ehrliche Selbsteinschätzung
Bodenständigkeit
Verlässlichkeit
Übertriebene Selbstkritik wirkt ebenso unpassend wie Selbstdarstellung. Eine ruhige, nüchterne Antwort ist meist die beste Wahl.
Wie viele Schwächen sollte man nennen?
In der Regel reicht eine klar benannte Schwäche. Auf Nachfrage kann eine zweite ergänzt werden, sollte aber ähnlich strukturiert und nicht widersprüchlich sein.
Fazit: Authentisch, reflektiert, lösungsorientiert
Die Frage nach Schwächen ist keine Falle, sondern eine Chance, Professionalität und Reife zu zeigen. Wer ehrlich, ruhig und strukturiert antwortet, hinterlässt einen souveränen Eindruck.
Nicht die Schwäche selbst entscheidet, sondern der Umgang damit.
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